Essays...                                                              über die besonderen Momente im Leben

Da will ich wieder hin...

 

All denen, die mich fragen, wie dieses weit entfernte kleine Land auf der Unterseite der Weltkugel nun wirklich ist, wie es sich anfühlt, dort zu reisen und was seine Faszination ausmacht, weil man doch fast alles, was man auf Bildern von dort unten sieht, an anderen Plätzen der Erde auch schon entdeckt hat, erzähle ich meine kleine Geschichte, wie es vielleicht gewesen sein könnte, als dieses Land entstanden ist...

Als der liebe Gott die Erde erschaffen und die Wunder der Natur über die ganze Welt verteilt hatte, wollte er das, was ihm am besten gefiel, die schönsten Berge, Flüsse, Fjorde und Seen, Geysire, Gletscher und Vulkane einmal aneinandergereiht auf engstem Raum betrachten. Da die Erdkugel schon gut mit Land befüllt war, wählte er hierfür eine Stelle unterhalb aller Erdteile auf der Südhalbkugel.

Eigentlich sollte hier kein weiteres Land entstehen, da sich der Ring of Fire hier entlangzieht und ein Leben in dessen Nähe für die Erdbewohner nicht immer einfach werden würde.

"Sie müssen es ja nicht so dicht besiedeln" mag er vielleicht gedacht haben und überließ die Welt sich selbst und damit auch die beiden zuletzt erschaffenen Inseln, die er Neuseeland taufte, ihrem Schicksal.    

Ich habe mich verliebt...

 

Wenn du angekommen bist, magst du sie sofort. Zwar musst du dich orientieren, an die eine oder andere Besonderheit gewöhnen. Du fragst dich, wo die Tram bleibt, auf die du zusammen mit so vielen anderen Menschen wartest. Dann kommen drei Bahnen auf einmal, die erste bereits wie eine Sardinenbüchse gefüllt, die dritte in respektvollem Abstand, so dass es hier während der gesamten Fahrt durch die Altstadt gemütlich bleibt. Später wirst du wissen, dass in den engen Gassen wieder einmal jemand zu lange auf den Schienen geparkt hat.

Die völlige Abwesenheit von Hektik wird dir schon in den ersten Tagen bewusst. Die Freundlichkeit, die dir begegnet, tust du als zufälliges angenehmes Erlebnis ab, bis du begreifst, dass das hier immer so ist. Freundlichkeit als tief verwurzelte Selbstverständ-lichkeit bei nahezu jeder Begegnung. Das geschäftsmäßig Sachliche der großen Metro- polen, das du natürlich nicht vermisst, fällt dir nach Tagen als nicht vorhandene Wohltat auf.

Dein Schritt durch die Gassen, über die Plätze und hinunter zum Fluss wird leichter. Hattest du ein Programm, das es zu  absolvieren gilt? Aber doch nicht, wenn an einem der überwältigenden Aussichtspunkte gerade eine Band musiziert. Zeit zum  Verweilen macht sich breit, ergreift Besitz von dir. Die spontane Tasse Kaffee, der erste Vinho Verde des Tages oder ein kleiner Kirschlikör in einem der speziellen Läden, die kleiner sind als jede Bar und nur dieses eine Getränk verkaufen, werden zur Selbstverständlichkeit. Sich treiben zu lassen, ohne sich träge zu fühlen, zu schauen, zu lauschen, zu erspüren und auf  jedem Weg Neues zu entdecken, eine unbekannte Form von Erleben erfüllt dich.

Musik auf allen Plätzen, hier die Profis von den Kapverden, dort ein Einzelkünstler, mehr mit Lippen und Kehle trompetend als wirklich singend, scheint er in Abhängigkeit vom Vorabendessen die Fürze aus dem Darm direkt in die Kehle herauf zu würgen und lautstark durch die Gassen zu posaunen. Kein Grund zu Flucht, für einen Euro legt er eine Pause ein.

Es scheint die Sonne, wie schön! Tags darauf gießt es wie aus Eimern und stürmt dabei, na und? Deinen Regenschirm, dessen Stofffetzen dir klatschnass um die Ohren flattern, wirfst du weg. Drei Meter weiter wird dir ein neuer angeboten, der hält dann für den Rest des Tages. Jetzt setzt du auf Qualität und erwirbst für acht Euro fünfzig einen Stockschirm beim Chinesen, der hält, was China verspricht.

Drei Wochen später, alles gesehen, alles probiert? Niemals! Jahre werden nicht reichen! Und so planlos, wie du jetzt bist, als nicht getriebener Treibender bestimmt der Zufall, was du erlebst, findest, neu entdeckst. Und vieles davon steht in keinem Reiseführer, es sind die kleinen Begegnungen und Entdeckungen, die jetzt die wirkliche Freude bereiten und - kaum, dass du es bemerkt hättest - hat sich schon seit Tagen ein Gefühl, dieses besondere Gefühl breit gemacht, das du so gar nicht kanntest. Das Gefühl von Lisboa, "und wenn Du dem Fluss näher kommst, wird es stärker" sagt mir eine Portugiesin. That's not a city, that's a feeling, that's the way, aha, aha, I like it, aha, aha!

 

Lisboa im Februar 2016

 

 

 

Jürgen Brockerhoff

Manchmal überlege ich, ob der Umgang mit Farbe und Pinsel für die künstlerische Entfaltung nicht ausreichend wäre. Wenn dann aber wieder eine große Holzskulptur fertig ist, begreife ich, dass die Arbeit mit der Kettensäge längst zur Sucht geworden ist!

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