Essays...                                                              über die besonderen Momente im Leben

Zurück aus der transienten globalen Amnesie

 

Als von meiner Wahrnehmung wieder etwas im Gedächtnis hängen bleibt, erkenne ich einen grauen Bettbezug mit schmalen Streifen. An der rechten Seite hat das Bett viele beleuchtete Knöpfe mit Pfeilen, wohl um die Liegefläche zu verändern. Alles wirkt wie in Watte gepackt, und ich denke, dass dieser Traum nicht schön ist, dass ich besser die Augen schließe und warte, bis ich wach werde und alles wieder normal ist. Aber das Bild bleibt. Ich weiß nicht, wo ich bin, ich weiß nicht, wie ich hierher komme, ich bin verunsichert. Ja, in dieser nebulösen Wahrnehmung scheint mir das im Nachhinein die richtige Vokabel zu sein, nicht beunruhigt, nicht ängstlich oder panisch, eher rätselnd, ob mich das betrifft, was ich sehe.

 

Später kommt Anette herein, sie trägt den Pullover mit den weißen Rüschen am Bund. Sofort dringt ein Gefühl von Geborgenheit durch den Nebel, ich bin nicht mehr allein. Woran ich mich erinnere, fragt sie mich. "Was ist passiert?" ist meine Antwort. Ich erfahre, dass ich im Garten den Teich sauber gefischt und mich über die vielen Algen beklagt habe, die sich schon jetzt - Mitte März - wieder ausgebreitet haben. Dann habe ich nach dem Vogelhäuschen gefragt, das vom Sturm umgeweht wurde und jetzt mit seinem Unterbau auf unserer Gartenbank liegt. Ich selber habe es dort abgelegt. Anette erklärt es mir und ich stelle die gleiche Frage wieder und wieder.

 

Ich habe keine Erinnerung an die 4 Gläser Wasser, die sie mir verabreicht, die Armbe-wegungen, die ich vor den Sanitätern auszuführen habe, den Gang zum und den Transport im Rettungswagen, der mich mit Martinshorn und Blaulicht in die Stroke Unit bringt, die Notaufnahme, die Fragen der Ärztin. Keine Erinnerung, bis heute nicht!

Ja doch, eine Kleinigkeit ist da hängen geblieben. Ich erinnere, dass ich konzentriert Namen, Vornamen und Geburtsdatum nennen konnte und stolz war, das ohne Aussetzer geschafft zu haben.

 

Die Watte im Kopf begleitet mich beim Abendessen, beim Besuch des Arztes, der mit für mich unverständlichen Begriffen signalisiert, dass das, was ich habe, vielleicht nicht so schlimm ist, und bei meinem anschließenden Telefonat mit Anette. Ja, ich rufe sie an, ich kann mein Handy bedienen, ich weiß, wofür die einzelnen Tasten sind. Als ich in der Nacht wach werde, ist die Erinnerung an die letzten Stunden in der Klinik da. Doch die Erinnerung fühlt sich nicht wie eine Erinnerung an, die die meine ist, eher nehme ich mich als Betrachter eines Films wahr.

 

Gegenüber dem Bett hängt eine Bahnhofsuhr, im kleineren Format natürlich. Das Früh-stück liegt hinter mir, der Nebel im Kopf bleibt, eine Reinigungskraft hat begonnen, den Boden zu wischen. Ich betrachte die Uhr, beobachte den Sekundenzeiger. Welche Wegstrecke legt wohl die Spitze eines Sekundenzeigers auf ihrem unendlichen Weg auf dem Zifferblatt zurück? Da ich es vergessen habe, frage ich die Reinigungkraft: "Wie berechne ich den Umfang eines Kreises?" "Durchmesser mal Pi" ist die spontane Antwort", ich bin Werkzeugmacherin, ich muss so was wissen", die anschließende Erklärung. Ich greife zum Handy und rechne. Den Zeiger schätze ich auf 10 cm, Kreisdurchmesser also 20 cm, daraus ergeben sich für den Weg der Zeigerspitze 62,8 cm pro Minute und 37,67 m pro Stunde. Damit legt dieses Teil, obwohl permanent in Bewegung, nicht einmal einen Kilometer pro Tag zurück. Da hätte ich tatsächlich mehr geschätzt, weit mehr!

 

Telefonisch teile ich meine Erkenntnisse Anette mit. Zwar klinge ich für sie klarer, was ich da jedoch von mir gebe, beruhigt sie nicht. Auf dem Handy rufe ich die letzten Fotos unserer Winterreise auf und freue mich, dass ich alle Orte und Situationen wiederer-kenne. Bei der Visite fragt mich die Ärztin, ob ich mich an sie erinnere. Ich weiß, dass ich dieser Frau schon einmal begegnet bin, mehr gibt die Erinnerung nicht her. Sie berichtet von der Untersuchung bei meiner Einlieferung, und dass ich laufend die gleichen Fragen wiederholt habe und jetzt schon einen ganz anderen Eindruck auf sie mache. Der Nebel im Kopf würde sich nach spätestens 24 Stunden legen. 4 Stunden bleiben mir da noch.

 

Dem Chefarzt, der mich mit seinem Stab später besucht, sich vorstellt und mir die Hand reicht, begegne ich mit der Frage: "Darf man das?" Er zieht die Hand zurück. "Corona, ja, man muss sich immer wieder selber daran erinnern", bekennt er. 

 

Heute ist der 21. März 2020, vor einer Woche ist es passiert, seit Mittwoch bin ich wieder zu Hause. Im Kopf ist wieder alles klar, die Diagnose lautet auf transiente globale Amnesie. Eine harmlose Erscheinung, die von 100.000 Menschen ca. 3 erwischt, vorrangig in der 6. Lebensdekade, da bin ich ja spät dran! In der Stroke Unit wurde ich richtig auf den Kopf gestellt, um Fehldiagnosen auszuschließen. Was bleibt ist ein verstörendes Gefühl, dass Gesundheit nichts Selbstverständliches ist, und dass auch ohne Unfall die nächste Minute des Lebens anders sein kann als alle Minuten vorher. Wissen tun wir das alle, einen Vorgeschmack davon zu bekommen, wie es im Ernstfall sein könnte, ist jedoch eine andere Dimension.

 

 

Da will ich wieder hin...

 

All denen, die mich fragen, wie dieses weit entfernte kleine Land auf der Unterseite der Weltkugel nun wirklich ist, wie es sich anfühlt, dort zu reisen und was seine Faszination ausmacht, weil man doch fast alles, was man auf Bildern von dort unten sieht, an anderen Plätzen der Erde auch schon entdeckt hat, erzähle ich meine kleine Geschichte, wie es vielleicht gewesen sein könnte, als dieses Land entstanden ist...

Als der liebe Gott die Erde erschaffen und die Wunder der Natur über die ganze Welt verteilt hatte, wollte er das, was ihm am besten gefiel, die schönsten Berge, Flüsse, Fjorde und Seen, Geysire, Gletscher und Vulkane einmal aneinandergereiht auf engstem Raum betrachten. Da die Erdkugel schon gut mit Land befüllt war, wählte er hierfür eine Stelle unterhalb aller Erdteile auf der Südhalbkugel.

Eigentlich sollte hier kein weiteres Land entstehen, da sich der Ring of Fire hier entlangzieht und ein Leben in dessen Nähe für die Erdbewohner nicht immer einfach werden würde.

"Sie müssen es ja nicht so dicht besiedeln" mag er vielleicht gedacht haben und überließ die Welt sich selbst und damit auch die beiden zuletzt erschaffenen Inseln, die er Neuseeland taufte, ihrem Schicksal.    

Ich habe mich verliebt...

 

Wenn du angekommen bist, magst du sie sofort. Zwar musst du dich orientieren, an die eine oder andere Besonderheit gewöhnen. Du fragst dich, wo die Tram bleibt, auf die du zusammen mit so vielen anderen Menschen wartest. Dann kommen drei Bahnen auf einmal, die erste bereits wie eine Sardinenbüchse gefüllt, die dritte in respektvollem Abstand, so dass es hier während der gesamten Fahrt durch die Altstadt gemütlich bleibt. Später wirst du wissen, dass in den engen Gassen wieder einmal jemand zu lange auf den Schienen geparkt hat.

Die völlige Abwesenheit von Hektik wird dir schon in den ersten Tagen bewusst. Die Freundlichkeit, die dir begegnet, tust du als zufälliges angenehmes Erlebnis ab, bis du begreifst, dass das hier immer so ist. Freundlichkeit als tief verwurzelte Selbstverständ-lichkeit bei nahezu jeder Begegnung. Das geschäftsmäßig Sachliche der großen Metro- polen, das du natürlich nicht vermisst, fällt dir nach Tagen als nicht vorhandene Wohltat auf.

Dein Schritt durch die Gassen, über die Plätze und hinunter zum Fluss wird leichter. Hattest du ein Programm, das es zu  absolvieren gilt? Aber doch nicht, wenn an einem der überwältigenden Aussichtspunkte gerade eine Band musiziert. Zeit zum  Verweilen macht sich breit, ergreift Besitz von dir. Die spontane Tasse Kaffee, der erste Vinho Verde des Tages oder ein kleiner Kirschlikör in einem der speziellen Läden, die kleiner sind als jede Bar und nur dieses eine Getränk verkaufen, werden zur Selbstverständlichkeit. Sich treiben zu lassen, ohne sich träge zu fühlen, zu schauen, zu lauschen, zu erspüren und auf  jedem Weg Neues zu entdecken, eine unbekannte Form von Erleben erfüllt dich.

Musik auf allen Plätzen, hier die Profis von den Kapverden, dort ein Einzelkünstler, mehr mit Lippen und Kehle trompetend als wirklich singend, scheint er in Abhängigkeit vom Vorabendessen die Fürze aus dem Darm direkt in die Kehle herauf zu würgen und lautstark durch die Gassen zu posaunen. Kein Grund zu Flucht, für einen Euro legt er eine Pause ein.

Es scheint die Sonne, wie schön! Tags darauf gießt es wie aus Eimern und stürmt dabei, na und? Deinen Regenschirm, dessen Stofffetzen dir klatschnass um die Ohren flattern, wirfst du weg. Drei Meter weiter wird dir ein neuer angeboten, der hält dann für den Rest des Tages. Jetzt setzt du auf Qualität und erwirbst für acht Euro fünfzig einen Stockschirm beim Chinesen, der hält, was China verspricht.

Drei Wochen später, alles gesehen, alles probiert? Niemals! Jahre werden nicht reichen! Und so planlos, wie du jetzt bist, als nicht getriebener Treibender bestimmt der Zufall, was du erlebst, findest, neu entdeckst. Und vieles davon steht in keinem Reiseführer, es sind die kleinen Begegnungen und Entdeckungen, die jetzt die wirkliche Freude bereiten und - kaum, dass du es bemerkt hättest - hat sich schon seit Tagen ein Gefühl, dieses besondere Gefühl breit gemacht, das du so gar nicht kanntest. Das Gefühl von Lisboa, "und wenn Du dem Fluss näher kommst, wird es stärker" sagt mir eine Portugiesin. That's not a city, that's a feeling, that's the way, aha, aha, I like it, aha, aha!

 

Lisboa im Februar 2016

 

 

 

Jürgen Brockerhoff

Manchmal überlege ich, ob der Umgang mit Farbe und Pinsel für die künstlerische Entfaltung nicht ausreichend wäre. Wenn dann aber wieder eine große Holzskulptur fertig ist, begreife ich, dass die Arbeit mit der Kettensäge längst zur Sucht geworden ist!

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